Krude

Gerade habe ich mit meiner Schwester über blödsinnige Theorien gesprochen, die man so in seiner Kindheit entwickelt. Dabei kamen Erinnerungen hoch:
Seinerzeit habe ich meine Kleine Schwester einmal in Angst und Schrecken versetzt, indem ich ihr mit meinem universellen Halbwissen und meiner wirren kindlichen Gedankenwelt wissenschaftlich fundierte Zusammenhänge zwischen der Anziehungsraft von Himmelskörpern in Abhängigkeit zu deren Größe sowie der zu erwartenden Masseentwicklung der Erde hinsichtlich Verwesungsprozessen darlegte:
Vom Hörensagen wusste ich, dass Menschen, Tiere und Pflanzen, wenn verstorben, zu Erde werden. Genauso wie Kompost. Anhand des Komposthaufens im Garten meiner Eltern konnte ich das auch sehen: Kartoffelschalen, Kaffeefilter, Eierschalen, Rasenschnitt und allerlei anderes Zeug wurden da hingeschmissen und wie von Geisterhand konnte mein Vater dann irgendwann fertigen Kompostboden da hervorzaubern.
Weiter darüber nachdenkend stellte ich fest, dass ich in meiner Eigenschaft als junger Mensch wachsen und somit mehr Masse bis zu meinem Tode anhäufen würde. Und dies täte nicht nur ich, das täten alle Menschen, alle Tiere, alle Bäume und so weiter und so fort. Logischer Schluss aus dieser Tatsache ist ja ganz glasklar, dass die Erde somit wächst wenn ich und alle anderen zu Erde werden und das in einem Fort so weiter zu gehen pflegt. Mit dem Wachstum der Erde steigt dann aber auch deren Anziehungskraft.
Man hatte mit erklärt, dass die Anziehungskraft des Planeten Jupiter so dermaßen stark sei, dass ich, beträte ich diesen Planeten, umgehend flachgepresst werden würde durch mein eigenes Gewicht. Diese Gefahr sah ich nun also in der Zukunft auf jeden Organismus des Planeten Erde zukommen. Nun kam noch die schreckliche Vokabel „Überbevölkerung“ und „Bevölkerungszuwachs“ aus den Nachrichten dazu und mir schien, die Gefahr sei nun schon ziemlich nah. Diese Gedankenspiele teilte ich nun mit meiner kleinen Schwester, und die scheint den ganzen Quark bis heute in ihrem Kopfe bewahrt zu haben. Als diffuse Angst im Hintergrund.
Ich glaube, sie wird nicht jede Nacht von Albdrücken geplagt, welche sie wegen dieser Angst schweißgebadet und schreiend aufschrecken lassen.
Dennoch habe ich ein leicht schlechtes Gewissen.

Contrazession

Jetzt, kurz bevor die Spinner in Scharen das Land in Angst und Schrecken versetzen, ganze Landstriche kahlfressen und Gespinstnester allerorten verteilen, auf dass sich allergische und asthmatische Krankheiten wie Lauffeuer verbreiten und die Angst vor dem Wald in der Bevölkerung wieder ungeahnte Ausmaße annimmt, blühen die Eichen lieblich vor sich hin und sehen aus, als wenn kein Wässerchen ihr Leben zu trüben imstande wäre. Das ist schön.
Nicht so schön ist der Inhalt der Jako-O Wald-Abenteuer-Lern-Software für Kinder ab 7. Was ein Kind nämlich daraus lernt ist, dass man Wälder eigentlich niederbrennen sollte weil da so schlimme Organismen drin sind.
Kinder lieben kleine Lernfilmchen. Die gibt es auch auf dieser Lern-CD. Und in diesen Filmchen lernt man vom schrecklichen Fuchsbandwurm, welcher die Eingeweide zerfrisst, wenn man nicht alles aus dem Wald zu einem formlosen Brei zerkocht, dass man unweigerlich von Zecken befallen wird, welche einen mit den grässlichen Krankheiten Borelliose und FSME ausstatten werden, und dass die Tollwut einen tödlich dahinrafft, sobald man im Wald auch nur daran denkt, dass es dort Tiere gibt.
Zecken habe ich auch schon massenhaft auf Wiesen und Feldern gesehen. Schnell entdeckt und beherzt entfernt richten sie auch keinen Schaden an. Sie sind lästig und doof, aber das sind Mücken auch und man fährt trotzdem an den See.
Tollwut ist insgesamt sehr selten geworden, Tollwutgebiete im Wald werden oft mit Warnschildern markiert, ansonsten gibt es tollwütige Tiere im Wald nicht häufiger als in der Stadt. Zu zutrauliche Tiere sollte man nicht unbedingt küssen oder ablecken. Macht aber auch eigentlich keiner. Sollte einem ein Kind dennoch erzählen, es habe gerade einen Waschbären gestreichelt, so wasche man seine Hände. Sodann suche man einen Arzt auf, um auf Nummer sicher zu gehen. Es ist aber insgesamt ausgesprochen unwahrscheinlich, dass den lieben lärmenden Kleinen üb erhaupt jemals ein Wildtier im Wald begegnet.
Dem Fuchsbandwurm sollte man insgesamt mit deutlich mehr Gelassenheit begegnen, wie ich finde. Mein alter Herr hat mir auch schon einmal mit deutlicher Nachhaltigkeit den Genuss von Blau-, Brom-, Him- und Walderdbeeren vergällt indem er mich auf den fiesen Fuchsbandwurm aufmerksam machte. Im Radio hat mir dann später aber einmal Christoph Drösser erzählt, dass das alles Quatsch ist und man getrost den Wald ablecken kann wenn einem danach ist, ohne dass einem dabei etwas passiert. Natürlich nicht wörtlich und nicht mir persönlich, aber ich habe mir das zu Herzen genommen und esse wieder Blaubeeren und Walderdbeeren und mein Leben ist wieder viel reicher geworden.
Und wenn man einmal daran denkt, wo der Fuchs überall herumschneftert, in der Stadt, auf dem Feld, auf Schulhöfen und vor allem sicherlich auch auf jedem Erdbeeerfeld: Werden deswegen sämtliche Erdbeeren dieser Welt bis zur Unkenntlichkeit zerkocht vor dem Verzehr?! Mitnichten!
Den Wald zu betreten ist Gebot für Kinder! Man darf ihnen nicht Angst einjagen vor dem Wald! Sie sollen nicht an allen Pflanzen knabbern weil davon einige giftig sein können, aber rennen Kinder wild äsend durch den Wald?
Nein.
Sie sollen nicht einfach alle Pilze fressen, derer sie gewahr werden, aber tun Kinder das?
Nein.
Sie sollen nicht jedes Tier streicheln und auf den Arm nehmen, aber lassen Tiere das mit sich machen?
Nein.
Eine gewisse Vorsicht gegenüber kuscheligen Prozessionspinnergespinstnestern gegenüber ist sicherlich richtig und wichtig, aber dort, wo der Spinner sein Unwesen treibt stehen gemeinhin Warnhinweise die man mit seinen Kindern besprechen kann. Genau wie bei der Tollwut.
Entsprechend mein Appell an alle: Geht mit Euren Kindern in den Wald und schickt sie los, denselben selbst zu erkunden. Wenn sie anschließend Kratzer an Armen und Beinen haben, Äste, Moos,Laub und Spinnweben im zerzausten Haar hängen und mannigfaltigster Dreck sich unter den Nägeln und an der Kleidung finden, wo auch Kletten und allerlei sonstige Pflanzenteile hängen, dann ist das ein Grund sie zu loben und nicht sie zu tadeln.
Merkt Euch das!

Grausiger Fund I

Weil ich hier gerade einer meiner wichtigsten Kategorien eröffne, hier ein paar einleitende Worte dazu:

Warum Fotos von Kadavern? Warum nicht? Ich habe vor etlichen Jahren mit der morbiden Tierfotografie begonnen (ein meiner Cousine nach deutlich unterschätztes Genre) und mir auch manchmal die Frage gestellt, warum ich das so mag. Nach einer Weile fand ich die Antwort auf diese Frage in meiner Kindheit. Nun ja. Die Weile war ziemlich kurz. Sie ist auch eine gute Antwort auf die Frage, warum ich gerne grässliche Horrorfilme sehe, oder warum in meinem Kopf immer wieder Ideen auftauchen, wie man grässliche Horrorfilme noch grässlicher machen könnte. Und diese Fragen waren noch älter.

Die Antwort auf all diese und sicherlich noch eine ganze Reihe anderer Fragen liegt also in meiner Kindheit begründet. Wie viele Kinder in der Kindheit besuchte ich einen Kindergarten. Dieses war ein Dorfkindergarten in einem kleinen Dorf in Niedersachsen, und dieser war untergebracht im hinteren Bereich des Dorfgemeinschaftshauses in welchem noch allerlei andere Sachen untergebracht waren. Um nun zu dem Kindergarten zu gelangen musste man durch einen Gang gehen. Bevor man diesen Gang jedoch betreten konnte musste man über den Vorplatz an den Feuerwehrgaragen vorbei. Und in der dem Gang am nächsten gelegenen, leeren Feuerwehrgarage war etwas untergebracht, was uns der Antwort etwas näher bringt: der Dorfschlachthof.

Manchmal, wenn Schlachtefest war, musste man als Kind am offenen Schlachthoftor vorbei und konnte reinkieken. Da drin hatten die dann Schweine falschrum aufgehängt und aufgemacht, das Gekröse fladderte über den Boden und am Schwein wurde rumgeschnippelt und alles war blutig. Das meiste Blut jedoch wurde in einem Zuber gesammelt und irgendein altes Mütterlein saß neben dem Kindergartengang vor demselben und rührte ungerührt Kräuter ins Blut. Manchmal konnte man die Sau auch noch zappeln sehen, manchmal war sie schon weitgehend zerlegt, aber eine ziemlich feste Größe war das Blutrührmütterlein. Kann auch ein Väterlein gewesen sein, das weiß ich nicht mehr so genau, auf jeden Fall alt und hutzelig und am Blut rühren.

Und daher mag ich gerne Blut sehen.

Meine abfotografierten Kadaver sind allerdings nicht selbst erlegt. Ich jage nicht. Ich schlachte auch nicht. Ich töte nicht. Jedenfalls nicht mit Absicht. Lediglich eine Katze im vergangenen Sommer mittels Auto. Habe ich aber kein Foto von gemacht. Konnte nicht anhalten. Sonst hätte ich mit der entsprechenden Katze begonnen. So muss eben eine brandenburgische Maus herhalten. Mit Zahngilb.