Korb

Es begab sich aber zu der Zeit, da ich noch ein heranwachsender Halbstarker war, dass ich im Winter mit einem Pulk ähnlich alter Leute mich mit Hilfe des Wochenendtickets für 35 D-Mark auf die Insel Sylt aufmachte, um dortselbst in einer kleinen Wohnung mit niedriger Decke in Westerland ein paar Tage im tiefsten Winter zu verbringen.

Es war bitterlich kalt, beim ersten Besuch an der Nordsee im Dunkeln war diese vom gefrorenen Strand kaum zu unterscheiden. Das Wasser war halb gefroren, etwa so wie der Squishee, den Apu Nahasapeemapetilon in Springfield verkauft, nur nicht in bunt. Beinahe wäre ich hineingelatscht.

Der Strand selbst war hart wie Beton, ein starker Wind blies und die kleinen Strandläufervögel kauerten sich hinter kleine Sandvorsprünge um nicht sogleich zu gefiederten Eisklumpen gefrieren. Die, die das Glück hatten, einen solchen Platz ergattert zu haben, bewegten sich nicht von diesen Plätzen weg, man hätte sie einsammeln können. Die Restlichen lagen steifgefroren am Strand herum.

Wir froren erbärmlich. Dennoch wollten wir am Strand verbleiben. Nahe der Uferpromenade von Westerland standen einige Strandkörbe herum. Diese schoben wir uns zu einem Kreis zusammen um uns vor dem Wind zu schützen. Bedauerlicherweise waren zwei der vier benutzten Körbe einst zum Sammeln möglichst vieler Sonnenstrahlen so eingestellt worden, dass die Sitzkorbüberdachungen weit nach hinten standen. Als Windschutz taugt das natürlich nicht. Daher machten wir uns umgehend daran, die Körbe umzutransformieren. Beim Ersten Korb ging das auch relativ gut und problemlos, Arrettierung lösen, Korbdeckel nach vorne schieben, fertig.

Der nächste Korb war etwas widerspenstiger. Vermutlich war an ihm irgendwann vor Kurzem einmal Spritzwasser haften geblieben, weshalb die Beweglichkeit der Scharniere deutlich eingeschränkt war. Annähernd zum Erliegen gekommen, könnte man sogar sagen. Mit vereinten Kräften machten wir uns nun an dem Ding zu schaffen, ich ruckelte vorn, irgendjemand rüttelte an der Seite herum und ein Dritter machte sich hinten am Stradkorb zu schaffen. Der sich nicht einstellen wollende Erfolg unserer Bemühungen nun ließ den hinten wirkenden Mitstreiter zu rabiateren Mitteln greifen: Er nahm Anlauf und rammte seine Schulterblätter an das hintere Ende des Strandkorbes.

Möglicherweise aus Sorge vor drohender Beschädigung, fortschreitender Randale oder sonstigem Vandalistentum nahm dies der Strandkorb zum Anlass, seine Starre aufzugeben und sich der Existenz leichtgängiger Scharniere zu erinnern; mit einem Schlag war das Verdeck zugeklappt. Das war schön, denn wir hatten erreicht, was wir wollten.

Nicht so schön war aber die Tatsache, dass ich das Strandkorbverdeck mit Schmackes an die Schläfe gedonnert bekommen hatte. Mir war leicht schwindelig und ein klein wenig blümerant. Aus Sorge vor einem drohenden Kollaps verabschiedete ich mich von den nun im Windschatten sitzenden Kollegen, tupfte mir ein wenig Blut von der Kopfseite und torkelte heim.

Zu Hause in unserer Wohnung angekommen stellte ich fest, dass die kleine Wunde, die  infolge des heftigen Zusammenpralls mit dem Strandkorb am Ende meiner Augenbraue klaffte, zwar nur wenig, aber dafür stetig blutete und ein kleines Blutrinnsal sich bereits über einen beträchtlichen Teil meines Gesichtes ergossen hatte. Und sofort hatte ich eine lustige Idee!

Alle meine Mitreisenden waren noch am Strand, sie wollten auch bald in die Wohnung kommen und sehen, ob es mir denn gut ginge. Sie waren leicht besorgt, und das war gut. Ich durchstöberte die Wohnung nach Kerzen und Teelichten, beräumte den im Esszimmer stehenden Tisch. Nachdem ich den gesamten Raum mit Kerzenlicht illuminiert hatte drapierte ich mich auf dem Tisch mit der blutenden Gesichtsseite in Richtung Tür. Und dann ließ mein Blut ruhig weiter fließen. Auf dem Rücken liegend faltete ich meine Hände auf der Brust und wartete.

Und wartete.

Und wartete.

Irgendwann kamen die Anderen dann auch wieder, hatte wohl auch bewusstseinserweiterndes konsumiert und fanden sich plötzlich und unerwartet in einem Mausoleum wieder. Ihre Gesichter gefroren noch doller als ohnehin schon von dem frostigen Wetter draußen.

Es dauerte aber nicht lange, bis mein gackerndes Gelächter die Schreckensrufe meiner Reisegesellschaft zum Verstummen brachte, aber speziell mein Namensvetter, welcher mir das Strandkorbverdeck versehentlich an den Kopf knallte, erinnert sich immer noch an diesen Moment. Und ist immer  noch verstört, wie er mir einmal mitteilte, vor etwa einem Jahr.

Das tut mir ein klitzekleines bisschen Leid. Macht mich aber auch ein klitzekleines bisschen stolz, habe ich doch offenbar das angestrebte Bild bei meinem Streich ganz gut getroffen.

Seemannsgruß

Vor einigen Tagen tauchte im Zwiegespräch gelegentlich die Vokabel „Ahoi“ auf. Hierbei wurde berichtet, dass es sich bei diesem Wort um ein tschechisches Grußwort handelt, welches man sowohl bei der Begrüßung als auch zum Abschied freundlich rufen kann.

Mir selbst jedoch ist das Wort „Ahoi“ eigentlich eher als nautischer Ruf geläufig. Angesichts der Tatsache, dass Tschechien in seiner Eigenschaft als Binnenland über keinerlei Küste verfügt stellt sich mir nun natürlich die Frage, wieso ein und dieselbe Vokabel an so derartig unterschiedlichen Orten verwendet wird. Ich habe, darüber nachsinnend, eine Theorie entwickelt:

Die Tschechen blicken auf eine lange Tradition der Braukunst zurück. Entsprechend kann man den Tschechen sicherlich auch nachsagen, dass sie dem Genuss des alkoholischen Hopfengetränkes eher nicht abgeneigt sind. Daraus schlussfolgernd nehme ich an, dass mit großer Wahrscheinlichkeit gelegentlich auch der eine oder andere Vollrausch vorgekommen sein wird.

Zudem entspringt in Tschechien die Elbe und wird dort auch bereits zu einem recht stattlichen Fluss. Auf diesem kann man gut mit dem Ruderboot zum Angeln rausfahren und dabei vortrefflich Bier in sich reinschütten. Geht man nun davon aus, dass hin und wieder mal ein tschechischer Bürger beim Fischfang in ein Alkoholdelirium gefallen ist und er infolgedessen ohne es zu merken sämtliche deutschen Landen auf der Elbe durchmaß und sich schlussendlich ausgenüchtert im nudeldicken Nebel auf der Nordsee wiederfand, so ist es wahrscheinlich, dass er, verwundert über die großen Wogen und das salzige Wasser, versucht haben wird, irgendwie die Aufmerksamkeit von irgendjemandem zu wecken. Und das geht ganz gut mit „Hallo“-Rufen, auf Tschechisch eben „Ahoi“.

Und weil sich dies vermutlich recht häufig genau so abgespielt haben wird ist der Ruf „Ahoi!“ seit langem ein allgegenwärtiges Geräusch auf der Nordsee, vergleichbar mit Möwengeschrei und Wellenrauschen.

Und so kam es, dass das tschechisch Grußwort Ahoi zu einem international anerkannten nautischen Begriff geworden ist.

Ich bin mir fast sicher, dass es sich genau so zugetragen hat.

Nein, eigentlich bin ich mir sogar todsicher.

 

Huf

Auf die Gefahr hin, dass meine werte Leserschaft in Scharen davonläuft und künftig angewidert die Nase rümpft wenn das Gespräch auf mich und meine Gedankenwelt kommt, ich erzähle heute mal etwas über Füße. Und zwar meine.
Ich liebe meine Füße, sie sind das mit großem Abstand zuverlässigste Verkehrsmittel welches ich bis dato zu nutzen die Möglichkeit hatte. Sie sind beinahe 39 Jahre alt und mussten noch nie in die Werkstatt, hatten nie eine nennenswerte Panne und funktionieren immer noch tadellos. Sind nie platt, Bremsen funktionieren einwandfrei, meine Füße werden nicht geklaut und nix.
Einen kleinen Nachteil jedoch haben sie: Sie setzen permanent Hornhaut an. Wenn ich dem nicht entschieden entgegenträte, man könnte meine Hufe bald mit Eisen beschlagen.
Damit dies nicht nötig wird wird gelegentlich die Hornhautraspel angesetzt. Klingt eklig, ist es aber fast gar nicht. Ist wie ein Lappen für verhornte Haut, die mag es halt etwas gröber.
Wenn man nun die Hornhaut raspelt, so entsteht Raspelgut. Dieses rieselt auf den unter dem Fuß befindlichen Untergrund und bildet dort ein Stäubchen. Welches weiß ist. Schiebt man es nun zusammen, so entsteht ein Häuflein weißen Staubes.
Ich hatte nun die lustige Idee, die Raspelreste zu sammeln, in kleine Tütchen zu verpacken und die dann an anrüchigen Orten in Bahnhofsvierteln oder in einschlägig bekannten Parkanlagen zu horrenden Preisen zischelnd Passanten feilzubieten und sodann feixend mir vorzustellen, wie mittels Kreditkarten feine Linien aus meiner alten Hornhaut hergerichtet würden und mithilfe zusammengerollter Geldscheine in verschiedenen Nasen verschwänden.
Am Besten wäre es freilich, dies an anderem Orte, fern der Heimatstadt zu tun, um eventuell vergnatzter Kundschaft aus dem Wege gehen zu können. Günstigstenfalls irgendwo, wo es ein gesteigertes Neureichen-Schnöselvorkommen gibt.
Aber ach… irgendwie ist mir das dann doch zu mühsam. Ich streue meine sorgsam aufgebauten Hufe dann doch lieber in die Blumen. Die sind wenigstens dankbar dafür.