Radau

Heute habe ich getan was ich seit etwa fünfundzwanzig (in Worten: 25) Jahren nicht mehr getan habe. Ich habe mir Leisten unter die Haxen geschnallt und bin mit festem Wasser überzogene Hänge hinabgerutscht. Deutlicher: Abfahrtski.

Warum habe ich mir ein Vierteljahrhundert Zeit gelassen, um dies wieder zu tun? Kann ich Euch sagen. Dauert aber länger weil wegen viele Gründe und alle wichtig. Zunächst einmal fehlten mir über einige Zeit hinweg schlicht die Gelegenheiten. Später hatte ich ein wenig Respekt vor den Hängen und sogar ein klitzekleines Bisschen Höhenangst. Außerdem fehlte mir das nötige Kleingeld, weil ist ja alles beschissen teuer, der ganze Mist. Die wichtigen Gründe aber kommen noch.

Erst einmal ist da mein ökologisches und ästhetisches Gewissen, welches mich plagt, wenn ich an das Hanggerutsche denke. Ein unfassbarer Frevel ist es, was die Menschheit mit dem elenden Skizirkus der schönen Bergwelt antut! Gerne nutze ich meine Füße um Gebirge zu belatschen und mich an ihrem Anblick zu erfreuen. Im Sommer kann man auch sehen, was einem im Winter unter dem Schnee verborgen bleibt. Die Skihänge sind Narben auf dem gefolterten und zerschundenen Leib des Berges. Tiefe Schneisen verlaufen über die Flanken, jegliches Panorama ist durch Lifte und Leitungen gestört, mitten im Wald liegen Berge von Pistenbulliketten herum, biegt man um einen Felsvorsprung findet man sich unvermittelt inmitten von Schneekanonen, Wanderwege müssen zeitweise gesperrt werden, weil die Skipisten, welche infolge des Schmelzwassers im Frühjahr derart erodiert sind, dass sie nicht mehr zu als Skipiste taugen, mittels Sprengung wieder in Form gebracht werden müssen. Kommt man dennoch oben auf dem Berg an, dann schweift der Blick ins Tal und findet dort mitnichten idyllische Bergdörfer, sondern ausgedehnte Parkplätze vor riesigen Liftstationen.

Entgegen jeglicher Vernunft habe ich mich nun trotzdem wieder auf die Hänge begeben und auch, wie nicht anders zu erwarten, sensationell viel Spaß gehabt. Denn blendet man die Vernunft einfach mal aus und gibt sich der Dekadenz hin, dann kann das unfassbar befreiend sein. Die Freude wurde nur durch eines nachhaltig getrübt: Die musikalische Untermalung. Wobei die Vokabel „musikalisch“ hier drastisch fehl am Platze ist. Ich weiß nicht wie die „Künstler“ heißen, welche diesen Mist verbrochen haben, der hier stundenlang meine Ohren aufs Ungehörigste beleidigt hat, ich will es auch überhaupt nicht wissen, sonst würde meine gesamte negative Energie als Strahl gebündelt deren Existenz vernichten, und ich weiß  nicht, ob man mich dann dafür juristisch zu Rechenschaft ziehen könnte.

Warum in drei Teufels Namen glauben so viele Veranstalter, dass es Menschen gibt, die sowas hören wollen? Derlei Dreck wird immer an Orten gespielt, wo die Leute aus ganz anderen Beweggründen hingehen, ganz sicher nicht der Musik wegen. Gegen ihren Willen werden sie mit musikalischem Giftmüll beschallt! Man hört solches Zeug an Skihängen, auf dem Rummel, gelegentlich bei der Neueröffnung eines Baumarktes und, und das finde ich ganz besonders fies, auf Sportveranstaltungen für Kinder. Kann denn nicht endlich mal jemand an die Kinder denken?! Die Leidtragenden sind immer die Kinder! Hat mal jemand ein Marktforschungsinstitut beauftragt mit dem Auftrag herauszufinden, ob Kinder gerne dümmlich-billige Bumsmusik mit dummen Texten zu hören, bei der man bei Hören förmlich sehen kann, wie gelangweilt Sänger oder Sängerin den Feierabend herbeisehnen? Derart uninspirierte Arbeit wird üblicherweise mit Berufsverbot geahndet und sollte es auch in diesem Fall werden! Ich hoffe, die Nekrosen in meinem Ohr sind reversibel!

Mein Mitleid gilt den armen Angestellten in den Gastronomiebetrieben an den entsprechenden Orten. Mittlerweile bekommen sie ja wenigstens Mindestlohn. Aber ob der ausreicht zur Behandlung den Gehörgangkrebses, den sie alle bekommen? Und ob das als Berufskrankheit gilt?

Sollte man die Berufsgenossenschaften mal losscheuchen?

Ganz bestimmt.

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