Wirkung

Wir haben eine feine kleine Sprache. Diese hat auch noch eine kleine Feinheit in sich, welche Vorsilbe heißt. Zwei davon sollen nun einer kleinen feinen Betrachtung unterworfen werden, und zwar zwei einander sehr ähnliche Vorsilben: Ver und Zer.

Meine beiden Vorsilben kann man vor verschiedene Verben setzen. Man kann hierdurch Adverbien erzeugen, welche einen unterschiedlichen Grad dessen beschreiben, was sie meinen. Klingt wirr, ist es auch. Kommen wir doch zur Verdeutlichung dessen, was ich meine, einfach zu ein paar Beispielen:

Man kann sagen: „Der sieht aber ziemlich verlebt aus.“ Das ist sicherlich nicht unbedingt schmeichelhaft, aber auch nicht unbedingt schlimm, zeugt doch eine gewisse Verlebtheit mitunter von einem ausgefüllten Leben. Mit 15 sollte man vielleicht noch nicht verlebt aussehen, mit 50 hingegen ist es durchaus in Ordnung. Sagt man aber: „Der sieht ziemlich zerlebt aus“, dann sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Zerlebtheit zeugt von einem üblen Leben, dass einem nichts geschenkt hat. Dieses Beispiel ist noch etwas vage. Deutlicher wird es beim Nächsten:

Verstört. Verstörung ist ein Zustand, der eintritt, wenn man etwas nicht begreift, begreifen will oder begreifen kann. Die Umstände hierfür sind meist ziemlich unerfreulich, aber es ist alles reversibel. Verstörtheit kann aufgeräumt werden. Ist man aber zerstört, so ist dieser Zustand endgültig, Zerstörung bedeutet, dass etwas nachhaltig kaputt ist. Und hiermit meine ich nicht das Gefühl der inneren Verwüstung, welche einen nach einer durchzechten Nacht heimsucht. Das geht nämlich meistens wieder weg. Zerstörtes ist unwiederbringlich futsch. Verstörte können anschließend noch zusätzlich zerstört werden. Zerstörung ist praktisch die Perfektionierung von Verstörung.

Genauso verhält es sich mit verfallen und zerfallen. Ein verfallenes Gebäude ist renovierbar, überschreitet es die Grenze der Renovierbarkeit, so spricht man nicht mehr von verfallen sondern von zerfallen. Zerfallen beschreibt auch hier das Endgültige.

Letztes Beispiel: Wenn ein junger aufstrebender Mafioso der neugierigen Polente einen Tipp zuviel gibt, so hat er zunächst sein Leben verwirkt und wird anschließend von den übrigen Familienmitgliedern zerwirkt. Verwirken kennt man. Man hat es versaut, des Lebens Ende rückt in sichtbare Nähe, man lebt aber noch. Zerwirken ist das, was geschieht, wenn man bereits den Jordan passiert hat oder über denselben geschickt worden ist. Zerwirken ist Waidmannssprache und beschreibt das, was man mit erlegtem Wild macht: Man bricht es auf und zerlegt es.

Es ist ein einziger Buchstabe, der hier eine deutliche Endgültigkeit beschreibt. Und das ist bemerkenswert.

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